|
Reinhart Mlineritsch |
|
|
|
Zitat aus: Karl-Markus Gauß, "Zu früh, zu spät. Zwei Jahre", Paul Zsolnay Verlag, 2007, ISBN 978-3552053977, Seite 54-55 „Die Dinge, die alle kennen zu glauben, erst sichtbar zu machen, ist die Domäne des Fotografen Reinhart Mlineritsch. Unter den Fotografen, mit denen ich befreundet bin, ist er der Verwandlungskünstler. Was er aufnimmt: Betonröhren, Elektrokabel, Schrauben, Verpackungsmaterial - das Gerümpel der technischen Welt; in Eis erstarrtes Gestrüpp, die Wasseroberfläche eines Tümpels, dürres Gras auf sandigem Boden - die karge Natur. Was auf seinen Bildern hingegen zu sehen ist: Beton, der wie zäh sich wälzende Lava aussieht, Elektrokabel, die sich als Schlingenwerk exotischer Pflanzen ranken, Schrauben, die als Schnecken aneinanderkleben, Kartonagen auf einem Müllplatz, die sich zu strenger graphischer Schönheit ordnen. Und: Schilfrohr, so nah ins Bild gerückt, daß es wie Lanzen aussieht; die hauchdünne Eisschicht, die als undurchdringliche Plastikhülle auf dem Teich liegt; das borstige Gras auf der Düne - ein Büschel Haar, sprießend aus faltiger Haut... Die toten Dinge, auf den technisch perfekten Bildern von Mlineritsch werden sie zu etwas Naturhaftem, die Erscheinungen der Natur hingegen erstarren oder wirken wie Details aus einer unbekannten Gerätschaft. Mlineritsch ist besessen von dieser Arbeit, er fotografiert nicht viel, sondern macht von seinen Objekten meist nur ein einziges Bild, für das er nicht nur stundenlange, penible Vorbereitung braucht, sondern mitunter Jahre, bis er das, was er in seiner künstlerischen Arbeit verwandeln will, in der Natur oder der technischen Umwelt vorgefunden hat. Die Vorstellung, die man sich von der Arbeit des Fotografen macht, ist vom Reporter im Getümmel geprägt, der sich mit Dutzenden Kollegen vor einem Podium um den besten Blickwinkel auf einen einflußreichen Grinser streitet, oder vom abgebrühten Abenteurer, der sich auf gefährlichem Terrain bewegt, wo nicht jeder wagt, mit der Kamera unterwegs zu sein. Mlineritsch sucht lange an unspektakulären Schauplätzen nach dem, was so unscheinbar ist, daß nur sein Foto es retten, sichtbar machen könnte. Er ist ein freundlicher, zuweilen verschmitzter Mann in seinen Fünfzigern. Als ich ihn kennenlernte, fiel es mir bald auf: Was ich ihm erzählte, konnte so wenig aufregend gar nicht sein, daß er nicht dennoch die Augen geweitet und erstaunt nachgefragt hätte: Wirklich? Dieses Staunen ist seine Begabung. »Wie ein Fremder« ist der Titel seines ersten Buches, »Velvet Curtain« der des zweiten, für das ich in dieser Woche das Vorwort schreibe. Ein freundlicher Fremder, der die bekannten Dinge sieht, als habe sie vor ihm noch nie jemand erblickt - und der sie uns mit der Verwunderung des Kindes so zeigt, daß wir meinen, wir hätten sie bisher noch gar nicht gekannt.“
|
|
© Reinhart Mlineritsch |