Reinhart Mlineritsch

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Eröffnungsrede von Mag. Gabi Wagner (Galerie Fotohof)

Ausstellung im Kunstraum Pro Arte Reinhart Mlineritsch: Stadt.Land.Fluss am 15. Juni 2010

Nicht aus dem Augenblick heraus, sondern in ihn hinein....

Reinhart Mlineritsch bleibt seinen künstlerischen Mitteln treu. Sofort erkennen wir seine Handschrift.  Für ihn gilt was der Physiker Arago vor ziemlich genau 171 Jahren – am 3. Juli 1839, in Paris vor der Kammer der Deputierten zur gerade erst sich entwickelnden Fotografie über diese gesagt hat: „Wenn Erfinder eines neuen Instrumentes, dieses zur Beobachtung der Natur anwenden, so ist das, was sie davon gehofft haben, immer eine Kleinigkeit im Vergleich zu der Reihe nachfolgender Entdeckungen, wovon das Instrument der Ursprung war.“ Beobachtung und Ursprung, diese beiden Nominative, spielen im Werk von Mlineritsch eine beständige Rolle. Er sagt, er habe 1991 begonnen, sich stärker mit künstlerischer Fotografie zu befassen, das macht jetzt eine Spanne von gut 20 Jahren. Beobachtung und Ursprung gelten seit damals, wahrscheinlich schon länger.

In dieser Ausstellung beobachtet er die Stadt Hallein und ihre unmittelbare Umgebung, das war sein Auftrag.  Hallein, das ist für ihn die Fabrik, der Fluss, die Schule, markante Bauwerke, die Struktur der Stadt, ihre Anlage und Einbettung, in die sie umgebende Landschaft. So wie ihn die Struktur der Stadt interessiert, dominiert Struktur auch auf jedem seiner Bilder, sei es eine zart vereiste Wasseroberfläche, das Geäst entlaubter Bäume, eine Spiegelung, Schneeflecken auf Hausdächern, ein Stück Straße hinter einem Gitterwerk aus Ästen. Es ist nicht wichtig, zu wissen, um welche Straße es sich handelt. Es geht ihm auch nicht um Natur versus Technik oder um die Rückbesinnung auf die Orte seiner Kindheit, stammt er doch gar nicht von hier, sondern aus dem Wienerwald.  Er ist kein Robert Frank Österreichs.

Langsam und beständig breiten sich die Motive vor uns aus, langsam und sorgfältig, wie auch sein Arbeiten, das Fotografieren von statten geht. Ich habe Reinhart schon einige Male über sein Arbeiten sprechen gehört. Da ist alles Präzision: Die Kameratechnik, die Auswahl des Motivs, die Beobachtung des Lichts, alles exakt, auf die Sekunde, das ist langwierig und sorgfältig. Das beeindruckt! Vor allem aber beeindruckt die Leidenschaft mit der er über das Fotografieren spricht. Die Euphorie greift auf den Zuhörer über und man versteht die „Geste der Enthüllung“ (Anselm Wagner in: R. Mlineritsch, Cover of Darkness, Salzburg 2007, S. 5), seine Geste der Enthüllung, den beständigen Einsatz der Zentralperspektive, die mittig gesetzten Motive, die Verfolgung des Fluchtpunktes, usw. Sein Bühnenaufbau wird für uns spannend. Das Sorgfältige, Langsame, die Beobachtung, richten sich auf ein Ziel. Dieses Ziel fasst er nicht ständig neu, er fasst es beständig. 

Durch die genaue Beobachtung und die S/W Technik, das Weglassen von Menschen und deren Tätigsein, Verzicht auf Betrieb, kein Autoverkehr, usw. knüpft er an die Ursprünge der Fotografie an, an die Zeit der langen Belichtungsdauer, der es nicht möglich war Bewegung festzuhalten.  Nicht aus dem Augenblick heraus, sondern in ihn hinein...richtet sich sein Interesse.

Wenden wir uns abschließend noch uns selbst als den Betrachtern zu. Der Betrachter trachtet nach etwas, d. h. er hat sich grundsätzlich frei gemacht, um etwas auf sich wirken zu lassen, er ist frei für Neues, er hat sich Zeit genommen. Er ist frei und die Kunst ist es auch. Er muss sich nicht erzählen lassen, was er sehen soll. Sicher mit ein wenig Hintergrundwissen verändert sich der Blick. Man muss aber nicht vorbereitet sein, es reicht sich einzulassen.

Was kann uns Betrachtern nun helfen die Kunst besser zu verstehen? Bei Kant finden wir Kriterien zur allgemeinen Kunstbetrachtung. Er stellt fest, dass Geschmack nichts Angeborenes, sondern Anerzogenes ist und abhängig von der jeweiligen Zeit und den Regeln der Gesellschaft in der man lebt. Weil dem einen aber dieses und dem anderen jenes gefällt unterscheidet Kant zwischen Sinnengeschmack und Reflexionsgeschmack, zwischen dem Privatsinn und dem Allgemeinsinn. Er meint, dass sich jeder der Relativität seiner eigenen Empfindungen bewusst sein muss. Dann aber, wenn man seinen eigenen Standpunkt geklärt hat und sich seiner Gefühle bewusst geworden ist müsse man nach Gemeinsamkeiten im Vergleich mit anderen Kunstwerken suchen.

Mag sein, dass andere vor und nach ihm das Medium völlig anders begreifen und einsetzten, für den Künstler spielt es aber keine Rolle, was nicht heißen soll, dass er kein Interesse an anderen künstlerischen Positionen hat. Nein, er hat sich entschieden, vor vielleicht 20 Jahren. Er hat sich entschieden diesen Blick zu verfeinern und zu vertiefen, ihn auszubauen. Folgen wir seinem Blick, „nicht aus dem Augenblick heraus, sondern in ihn hinein...“(Walter Benjamin, kl. Geschichte der Photographie, in: W. Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Frankfurt 1963, S. 52)

Hanno Rauterberg, Kunstkritiker der ZEIT stellte in seinem Buch  (Und das ist Kunst, Fischer Verlag, Frankfurt 2007, 2. Aufl. 2008,  S. 216) 10 Kriterien auf, die seiner Meinung nach ein gutes Kunstwerk ausmachen:

1. Das Kunstwerk rührt mein Kunstgefühl

2. Das Original bietet mehr als die Reproduktion

3. Das Spiel der Formen und Farben ist kein reiner Selbstzweck

4. Sondern löst in mir unvertraute, gemischte Gefühle aus

5. Dank dieser Gefühle baut sich eine Erwartung auf

6. Zu dieser Erwartung gehört, das Kunstwerk nicht allein fühlen, sondern auch verstehen zu wollen

7. Mir wird verständlich, welches Thema das Werk aufgreift und dass es zu diesem Thema eine eigene Variation findet

8. Die Kunst inszeniert dieses Thema mit einem Aufwand, der in einem produktiven Verhältnis zum Ertrag steht.

9. Das Kunstwerk bereichert mich.

10. Und so bleibt es mir im Gedächtnis und macht mich neugierig auf ein Neu- und Weitersehen.

 

 

© Reinhart Mlineritsch